YogKlang
Mensch & Feld

System Mensch & das Feld

OrchideeWie viele Menschen, die ihre Arbeit lieben und wertschätzen, neigen auch  YogalehrerInnen dazu, ihre eigene Rolle für die Wirkung einer Asanapraxis zu überschätzen. Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir treffen auf einem Sonnenblumen- oder Orchideenfeld einen Mann, der eine der Blumen an der Blüte gepackt hat und daran kräftig zieht. „Was machen Sie da?“ fragen wir. „Ich sorge dafür, dass diese Sonnenblume bzw. Orchidee schnell und hoch wächst!“ antwortet er. Weil wir seiner Erklärung nicht recht folgen können, fragen wir nach: „Sie ziehen an der Blume, weil sie dadurch größer werden soll?“ „Genau! Ich ziehe sie nach oben und sie wächst schneller nach oben!“ Kein Zweifel, unser Mann hat nicht verstanden, wie Blumen wachsen.

Patañjalis Bauer ist da klüger. Auf das Wachsen einer Pflanze können wir Einfluss nehmen, indem wir für ausreichend Wasser sorgen. Indem wir Unkraut häckeln, indem wir Dünger auf bringen. Und das alles zur rechten Zeit in rechtem Maß. Die Pflanze wächst nach der ihr innewohnenden Muster. Patañjalis Modell lehrt uns LehrerInnen Bescheidenheit. Nicht der Bauer lässt das Korn wachsen, sondern es wächst. Die einzige Aufgabe des Bauern ist es, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die dieses Wachstum behindern könnte.

Beim Unterrichten von Yoga ist es die wesentliche Aufgabe, Hindernisse aus dem Weg zu räumen: die Asanas (die Yoga-Stellung) so zu lehren, dass sie keinen Schaden zufügen, dass mögliche Risiken reduziert werden.

Das Feld darf nicht zu trocken und nicht zu nass sein: Es muss dafür gesorgt sein, dass in einer Praxis nicht zu viel und nicht zu wenig gefordert wird. Das Unkraut muss beseitigt werden.

Fehler beim Üben können korrigiert und beseitigt werden. Wenn sich jemand angewöhnt hat, bei Rückbeugen eine zu starke Spannung im unteren Rücken Baum des Lebenszu entwickeln, muss dieses „Unkraut“ geduldig und so vorsichtig gejätet werden, dass die eigentliche Pflanze (die Rückbeuge) keinen Schaden nimmt. Ist für all das gesorgt, werden die positiven Wirkungen ganz von alleine heranwachsen.

Was diese Wirkungen gedeihen lässt, ist eine Kraft, die dem übenden Menschen innewohnt, nicht die Körperstellung und schon gar nicht der Lehrer, der es unterrichtet hat. Manchmal braucht es für gutes Wachstum sicherlich auch noch Dünger: Übungen müssen interessant bleiben, immer neu ansprechen und bisweilen braucht es für den Schritt hin zum Üben auch Worte der Ermutigung. Aber auch hier gilt: Es ist nicht der Dünger, der wächst, sondern die Pflanze.

 

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